Veröffentlichungen, Probekapitel
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7. Der Stein als Manifestation von Schöpfungskraft
(ohne Fussnoten)


Der Mythos vom steinernen Himmel ist der wohl älteste schriftliche Beleg,  der von der religiösen Bedeutung des Steines spricht. Die in ihm zutage tretende Symbolik hat sich in vielen kultischen Aspekten manifestiert, die einerseits die alte Macht des schöpferischen Todes unterstreichen und zum anderen die tiefe Hingabe an diese Symbolik zum Ausdruck bringen. Denn in vielen prähistorischen Kultstätten stehen große Monolithen, Geröllköpfe, Findlinge oder andere Natursteine an bevorzugter Stelle, so daß man auf eine ehrfürchtige Verehrung schließen kann. Die diesen Steinen innewohnende kultisch-symbolische Bedeutung ist von der Forschung bisher nicht auf die kreative Kraft des Todes zurückgeführt worden.
Der Stein, so konnte gezeigt werden, übernimmt in seiner Symbolik die Gestalt des Nicht-Seins. Er konnte zum Bild des Todes werden,  weil er die einzige nicht von Leben erfüllte Materie ist, die die sichtbare Welt zur Verfügung stellt.  Alle anderen Stoffe unterliegen dem ständigen Gestaltwandel des Lebendigen. Der Tod manifestiert sich im Festesten, Härtesten, Starrsten und Leblosesten, was es auf der Erde gibt, weil in ihm das Nicht-Sein am klarsten zum Ausdruck kommt. Er stellt den Tod nicht als endgültiges Verlöschen dar, sondern symbolisiert die hoch schöpferische menog-Phase im Kreislauf des Lebens.
Sprachlich sei der Begriff Fels, der im Zusammenhang mit dem steinernen Himmel steht, mit den Ausdrücken für „Bergzug, Berkette, Gebirge“ gekoppelt, meint Reichelt.   Aber nicht Größe oder Schönheit  machte ihn zum  Symbol, sondern seine leblose, starre und unbewegte Beschaffenheit. Der Stein symbolisiert mit seiner Schönheit, Erhabenheit und Größe die Macht des Nicht-Seins. In Analogie zur Symbolik des Stieres, dessen mächtige Zeugungspotenz zum Inbegriff von Leben wurde, ist der Stein Ausdruck der Schöpfungskraft des Todes.
Der Religionswissenschaftler M. Eliade behauptet in seinem großen Standardwerk,  dass die Ehrfurcht gebietende Macht eines majestätischen Felsbrockens sowie die Härte, Rauhheit und Unvergänglichkeit des Steines ihn heilig machte. „Der Stein bleibt immer derselbe, er hat Bestand,“  und das hätte seine Verehrung schon in prähistorischer Zeit bedingt. Tatsächlich aber sind Ewigkeit, Unwandelbarkeit und Unvergänglichkeit gerade nicht Wesensmerkmale zyklischer Ordnung. Mit den Kriterien von Dauer, Ewigkeit und majestätischer Allmacht, die in monotheistischen Konzepten höchste Göttlichkeit beinhalten, lässt sich die neolithische Symbolik nicht erfassen, denn hier sind gerade die entgegengesetzten Werte von religiöser Bedeutung, nämlich fortwährender Gestaltwandel, Lebensfluss, Vergänglichkeit und Durchgang durch den Tod. Vordergründig gesehen, scheinen diese Aspekte allerdings mit dem Stein überhaupt nicht in Verbindung zu stehen. Sie stellen geradezu das sichtbare Gegenteil von Leben dar. Aber genau das ist es ja, was der Stein in mythisch-religiösem Kontext zur Gestalt bringt: Die Leblosigkeit und Starre des Todes, weil aus ihr heraus der Lebenkreislauf  seinen immer wieder neuen Impuls zu gestalthafter Ausformung erhält. Der Stein verkörpert einen Gedanken, eine Erkenntnis. In ihm manifestiert sich der Ursprung des Lebens.
Alle neolithischen Steinkulte lassen mit dieser Symbolik des Steines die  höchste Schöpfungskraft in Erscheinung treten, auch dann noch, wenn die zy-klischen Zusammenhänge schon längst verloren gegangen sind. Cooper  und M. Lurker  führen an, dass „verschiedene Mythen von der Geburt aus einem Stein oder Felsen“ erzählen und dass sie mit Fruchtbarkeitsvorstellungen in Verbindung ständen. Der römische Gott Mithras, der den Stier überwindet, ist steingeboren.  H. Biezais  stellt einen Zusammenhang von heiligen Steinen und dem „steinernen Himmel“ her. Natursteine, die an heiligen Stätten deponiert sind, Monolithen, den-en man in der Landschaft als „stehenden Steinen“ begegnen kann, oder markante Felsen, die alte Felsbilder tragen, zeugen von einer Heiligkeit, weil sie die Schöpf-ungskraft des Nicht-Seins zum Ausdruck bringt.
Ein  besonders eindrucksvolles Beispiel hierfür sind die Iwakura-Steine  in Japan. Dort werden Natursteine in ihrer ursprünglichen Lager nur mit einem Seil umgrenzt und sind dadurch als Wohnstätten der Kamis kenntlich gemacht. Sie sind die alles Lebendige erfüllenden Geistwesen der alten japanischen Shinto-Religion.  Ein beliebiger, vielleicht schön geformter Naturstein, der an einer mythisch bedeutungsvollen Stelle der Landschaft liegt,  erhält durch den Kontext, in den er gestellt wird, seine tiefe religiöse Bedeutung.
In Australien sind die Traumzeitahnen der Aborigines, die Schöpferwesen ihrer Urzeit, in markanten, häufig in der Nähe von Wasserstellen gelegenen Fels-formationen, gegenwärtig. Sie sind in den Felsbildern der Wandjina  in den Stein eingegangen und ruhen dort zu neuer schöpferischer Entfaltung im Stein. Am Ayers Rock fanden eine ganze Reihe von Schöpferahnen in der Gestalt wichtiger Totemtiere ihren mythischen Tod.  Der riesige Monolith  wurde zum zentralen Heiligtum der Aborigines, weil die Traumzeitahnen dort in der Leblosigkeit des Steines verweilen. Dort bauen sich die Schöpfungskräfte in Gestalt der Traumzeitahnen in der Ruhe des Nichts-Seins wieder auf, während sie sich in den Erscheinungen der ausgefalteten Natur  verstreuen und verzehren.
Volker Haas erwähnt, dass beispielsweise 2000 v. Chr. in einem Tempel in Byblos „der Gott in Gestalt eines Steines verehrt wurde.“  In Syrien ist in der Ausgrabungsstätte von Palmyra ein roher, etwa 60 cm großer Naturstein auf einem Altar zu sehen  (Abb. 13.2). In Lepenski Vir lagen vor 6000 Jahren kindskopfgroße Geröllsteine aus der Donau, teilweise mit Gesichtern oder Zickzack-Mustern kenntlich gemacht, als Altäre an den Kultfeuern des Heiligtums  (Abb. 13.1). Sogar ein Backstein kann in Marokko noch heute dadurch, dass er in einer Moschee eingebaut ist, zu einem heiligen Stein werden.
Einem Stein kann neolithische Schöpfungskraft innewohnen, wie in Lepans-ki Vir, (Abb. 13.1) kann die Verkörperung einer Ahnenkraft sein, wie im Altai,  kann in Japan die Anwesenheit heiliger Kami-Geistwesen bezeugen  oder die Kräfte zur Fruchtbarkeit der Erde in sich tragen, wie in Nepal, wo am Feldrand ein mannshoher Findling im Frühjahr mit Ocker bemalt und gesalbt wurde, um die Lebenskräfte der Erde wieder freizugeben.  Ein schwarzer Stein war es auch, in dem die anatolische Göttin Kybele ihre Manifestation erfuhr. Er wurde nach der Eroberung Phrygiens durch die Römer nach Rom gebracht. Besonders deutlich ist die archaische Steinsymbolik  in den mediterranen Baitylen  zu erkennen,  jenen aufgerichteten Monolithen, die als Aufenthaltsort einer Gottheit verehrt wurden. Diese Baitylen, wörtlich „Haus Gottes“, sind in manigfacher Form bekannt und bekamen später in Italien Gesichter oder kleine Busen, Andeutungen von Händen oder Gürteln und trugen teilweise einen Keil  (Abb. 12.3). Sobald ihre Bildhaftigkeit stärker hervortritt, meinen wir das Abbild einer Gottheit vor uns zu haben, obwohl auch noch der verzierte Stein als eine Manifestation von Schöpfungskraft angesehen wurde, als Manifestation der Erde (Abb. 18).
Die Kaaba in Mekka, die als Haus Gottes bezeichnet wird, birgt einen rohen Stein in einer kleinen Kapelle unter dem schwarzen Tuch. Das ist erstaunlich, denn damit wird ein lebloser, ungeformter Naturstein zur Erscheinungsform einer monotheistischen Gottheit. Wohl darf sich ein Moslem kein Bild von Gott machen, weil er sich in seiner Allmacht und Vollkommenheit jeder bildhaften Festlegung entzieht, doch warum sollte sich Allah in einem ungestalteten Stein repräsentieren, wenn dieser nicht seit Urzeiten die ungeheure geistige Schöpfungspotenz göttlicher Gegenwart symbolisierte? Mekka war schon seit prähistorischer Zeit ein bedeutender Kultort der Beduinen, weshalb der „schwarze Stein“ ohne Zweifel auf einen vorislamischen Steinkult hinweist.  


 Ina Mahlstedt, Religionswissenschaftlerin